Was tun, wenn man einfach so geschlagen wird?
Lachen oder Weglaufen? Zurückschlagen oder Weinen vor Scham?
All diese Fragen gingen mir nicht durch den Kopf, als die fremdartige Handfläche meine bebende Backe verließ. Wieso sollte mich jemand schlagen? Und ich dachte immer ich sei von Haus aus immun gegen Angriffe von außen, da in mir seit jeher die Überzeugung steckte, dass der schmalbrüstige Brillenträger in den einschlägigen Schlägerrankings als Zielobjekt kaum mehr Punkte einbringt als eine Frau oder eine Zimmerpflanze.
Es passierte in Bremen. Die Nacht hatte bis zu jenem Zusammentreffen in der Bar einige amüsante und interessante Momente gesehen: Ein feucht-fröhliches Looping Louie-Spiel läutete den Abend ein, den ich hauptsächlich mit einer Berliner Reisebekanntschaft und einem bajuwarischen Studienkollegen verbringen sollte. Der Bayer moserte zunächst ausgiebig über die labile Technik des Spielgeräts, nach einigen Schlücken Pennerglück wurde das nicht mehr so genau gesehen und die Chips und Drinks rauschten wie eh und je durch Zimmer und Studentenkehlen. Um die Ankunft bei der gemeinschaftlich anvisierten, demokratisch abgestimmten Reggae/Dancehall – Party in der Lila Eule noch unbemerkt in eine noch nicht fühlbare Ferne zu schieben und einer Freundin Frohe Weihnachten zu wünschen, machte ich mich mit dem Berliner noch einen Abstecher zur Bleibe der besagten Freundin. Ich wundere mich im Nachhinein ernsthaft, dass sie nicht den ersten Schlag des Abends austeilte. Sie war gerade sehr eifrig damit beschäftigt, als letzte wache Bewohnerin ihrer WG die von der Weihnachtsfeier liegengebliebenen Halbdebilen aus ihrer Wohnung zu vertreiben, als wir mit wehenden Fahnen anrückten. In der Wäschekammer wurde daraufhin etwas geskatet, Korn als letzte Spirituose erkannt und vertilgt und viele philosophische Diskurse erörtert. Währenddessen trafen meine fixen Blicke einige Male die fragenden Augen einer Dame, die schon ihren Pyjama trug und Nachsicht gelten ließ als hätte sie es mit einem Kleinkind zu tun. Als wir endlich den eigentlich Grund des spätnächtlichen Ausflugs zurückerkundeten , wurde dezent der Abschied angekündigt und im folgenden taumelnden, vorweihnachtlichen Abschiedsgemenge wurde es noch hitzig-witzig. Die Ereignisse bei der Reggae-Feierlichkeit lassen sich vielleicht am akkuratesten mit einem Kommentar eines Mädels (an mich gerichtet) zusammenfassen: „Hör auf so zu tanzen, sonst mach ich mir gleich in die Hose!“ Am Ende blieb der harte Kern der Korntrinker, der noch auf ein Pils und ein bisschen Ruhe nach dem ganzen Krach in die benachbarte Bar „Eisen“ zog. Da saßen wir also, jeder an seinem Bier festhaltend, glücklich um diesen taktilen Fixpunkt, nachdem die visuellen Fixpunkte ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt hatten. Ich warf ein paar Bierdeckel nach Axel. Ich verfehlte ihn beim dritten oder vierten Versuch um einige Meter und traf seinen Sitznachbarn dessen Arm um eine weibliche Begleitung geschlungen war. Bevor ich mich versah, stand der Mann vor mir. Soweit ich mich erinnern kann, fragte er mich: „Willst du das weiter machen?“ (Antwort von mir: „Weiss nich“) und „Wollen wir vor die Tür gehen?“ (bei dieser Antwort war ich mir schon etwas schlüssiger und sagte: „Ne, glaube nich.“). Und es muss wenige Sekunden später gewesen sein, als sich seine Handfläche mit meiner Wange vereinte. Ich verlor etwas das Gleichgewicht und die Mannschaft Biergläser neben mir, darunter mein frisches Haake-Beck zersprangen an der Wand. Ich hatte den Schlag nicht gesehen, auch nicht die Bewegung des Arms und spürte nur ein leichtes Brennen auf meiner linken Wange. Was mich wirklich erboste, war der Verlust meines kühlen Bieres. Meine Freunde hatten den Vorfall anscheinend etwas zusammenhängender als ich erlebt und schoben in diesem intimen Moment meiner Biertrauer den Hünen zur Seite. Danach ging alles noch viel schneller: Wir sahen uns alle sehr überrascht an, so in etwa als ob wir Franz Beckenbauer beim geheimen HipHop-Battle mit Samy Deluxe erwischt hätten und lachten uns ins Fäustchen. Erneuter Einsatz des Nachbargasts. Langsames Aufbauen vor uns. In deutlichem Hochdeutsch formulierte er folgenden Satz für uns: „Könnt ihr kein Respekt zeigen?“. Dabei sah er eher meine Freunde an als mich, mein Lächeln muss durch den Schlag etwas an Ausdrucksstärke und Charisma verloren haben. Der zweite Schlag traf dann aber doch wieder mich. Wieder ging mir der ganze Vorgang eindeutig zu schnell. Diesmal spürte ich den Aufprall aber schon deutlicher. Mir wurde das alles zu blöd und ich holte mir ein Bier. Ich hoffte dabei inständig, dass es das gewesen sein muss, man kann sich ja nicht mehr als zweimal schlagen lassen, da muss man sich ja vielleicht irgendwie wehren schon allein wegen der männlichen Ehre und so. Und ich wollte einfach nur in Ruhe mein Bier trinken. Wir taten unser Bestes und lachten kein einziges Mal mehr. Ich hatte also genug Zeit den Kerl zu mustern und mir ein Bild von ihm zu machen: Er wirkte kein bisschen betrunken, eher gefasst. Er war groß gebaut, normal gekleidet und sah nicht verarmt und verwahrlost aus. Ich konnte mir keinen Reim aus ihm machen. Stutzig machte mich auch die Reaktion seiner Freundin: Sie reagierte gar nicht auf das Geschehene. Vielleicht braucht er das und haut jeden Abend einen um und sie kann oder will nichts dagegen tun. Oder vielleicht hat sie an seine Ehre appelliert und ihn dazu animiert mir eine rein zu hauen. Irgendwann wollten wir dann auch mal los, die Sonne lauerte schon hinter dem Horizont und es stand eine lange Reise nach Amsterdam bevor. Als ich aufstand, erhob sich fast gleichzeitig auch der Mann und lief forschen Schrittes auf mich zu. Ich nahm mir fest vor, dass es diesmal nicht ohne Gegenweher ablaufen werde, aber innerlich wusste ich, dass es mir eigentlich alles schon viel zu egal war. Besoffen verprügelt zu werden ist genauso wie besoffen Sex zu haben: Irgendwie zählt es nicht richtig. Er streckte mir seine Hand entgegen und sagte: „Ich bin übrigens der Mille“. Ich drehte mich um und ging. - LF
All diese Fragen gingen mir nicht durch den Kopf, als die fremdartige Handfläche meine bebende Backe verließ. Wieso sollte mich jemand schlagen? Und ich dachte immer ich sei von Haus aus immun gegen Angriffe von außen, da in mir seit jeher die Überzeugung steckte, dass der schmalbrüstige Brillenträger in den einschlägigen Schlägerrankings als Zielobjekt kaum mehr Punkte einbringt als eine Frau oder eine Zimmerpflanze.
Es passierte in Bremen. Die Nacht hatte bis zu jenem Zusammentreffen in der Bar einige amüsante und interessante Momente gesehen: Ein feucht-fröhliches Looping Louie-Spiel läutete den Abend ein, den ich hauptsächlich mit einer Berliner Reisebekanntschaft und einem bajuwarischen Studienkollegen verbringen sollte. Der Bayer moserte zunächst ausgiebig über die labile Technik des Spielgeräts, nach einigen Schlücken Pennerglück wurde das nicht mehr so genau gesehen und die Chips und Drinks rauschten wie eh und je durch Zimmer und Studentenkehlen. Um die Ankunft bei der gemeinschaftlich anvisierten, demokratisch abgestimmten Reggae/Dancehall – Party in der Lila Eule noch unbemerkt in eine noch nicht fühlbare Ferne zu schieben und einer Freundin Frohe Weihnachten zu wünschen, machte ich mich mit dem Berliner noch einen Abstecher zur Bleibe der besagten Freundin. Ich wundere mich im Nachhinein ernsthaft, dass sie nicht den ersten Schlag des Abends austeilte. Sie war gerade sehr eifrig damit beschäftigt, als letzte wache Bewohnerin ihrer WG die von der Weihnachtsfeier liegengebliebenen Halbdebilen aus ihrer Wohnung zu vertreiben, als wir mit wehenden Fahnen anrückten. In der Wäschekammer wurde daraufhin etwas geskatet, Korn als letzte Spirituose erkannt und vertilgt und viele philosophische Diskurse erörtert. Währenddessen trafen meine fixen Blicke einige Male die fragenden Augen einer Dame, die schon ihren Pyjama trug und Nachsicht gelten ließ als hätte sie es mit einem Kleinkind zu tun. Als wir endlich den eigentlich Grund des spätnächtlichen Ausflugs zurückerkundeten , wurde dezent der Abschied angekündigt und im folgenden taumelnden, vorweihnachtlichen Abschiedsgemenge wurde es noch hitzig-witzig. Die Ereignisse bei der Reggae-Feierlichkeit lassen sich vielleicht am akkuratesten mit einem Kommentar eines Mädels (an mich gerichtet) zusammenfassen: „Hör auf so zu tanzen, sonst mach ich mir gleich in die Hose!“ Am Ende blieb der harte Kern der Korntrinker, der noch auf ein Pils und ein bisschen Ruhe nach dem ganzen Krach in die benachbarte Bar „Eisen“ zog. Da saßen wir also, jeder an seinem Bier festhaltend, glücklich um diesen taktilen Fixpunkt, nachdem die visuellen Fixpunkte ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt hatten. Ich warf ein paar Bierdeckel nach Axel. Ich verfehlte ihn beim dritten oder vierten Versuch um einige Meter und traf seinen Sitznachbarn dessen Arm um eine weibliche Begleitung geschlungen war. Bevor ich mich versah, stand der Mann vor mir. Soweit ich mich erinnern kann, fragte er mich: „Willst du das weiter machen?“ (Antwort von mir: „Weiss nich“) und „Wollen wir vor die Tür gehen?“ (bei dieser Antwort war ich mir schon etwas schlüssiger und sagte: „Ne, glaube nich.“). Und es muss wenige Sekunden später gewesen sein, als sich seine Handfläche mit meiner Wange vereinte. Ich verlor etwas das Gleichgewicht und die Mannschaft Biergläser neben mir, darunter mein frisches Haake-Beck zersprangen an der Wand. Ich hatte den Schlag nicht gesehen, auch nicht die Bewegung des Arms und spürte nur ein leichtes Brennen auf meiner linken Wange. Was mich wirklich erboste, war der Verlust meines kühlen Bieres. Meine Freunde hatten den Vorfall anscheinend etwas zusammenhängender als ich erlebt und schoben in diesem intimen Moment meiner Biertrauer den Hünen zur Seite. Danach ging alles noch viel schneller: Wir sahen uns alle sehr überrascht an, so in etwa als ob wir Franz Beckenbauer beim geheimen HipHop-Battle mit Samy Deluxe erwischt hätten und lachten uns ins Fäustchen. Erneuter Einsatz des Nachbargasts. Langsames Aufbauen vor uns. In deutlichem Hochdeutsch formulierte er folgenden Satz für uns: „Könnt ihr kein Respekt zeigen?“. Dabei sah er eher meine Freunde an als mich, mein Lächeln muss durch den Schlag etwas an Ausdrucksstärke und Charisma verloren haben. Der zweite Schlag traf dann aber doch wieder mich. Wieder ging mir der ganze Vorgang eindeutig zu schnell. Diesmal spürte ich den Aufprall aber schon deutlicher. Mir wurde das alles zu blöd und ich holte mir ein Bier. Ich hoffte dabei inständig, dass es das gewesen sein muss, man kann sich ja nicht mehr als zweimal schlagen lassen, da muss man sich ja vielleicht irgendwie wehren schon allein wegen der männlichen Ehre und so. Und ich wollte einfach nur in Ruhe mein Bier trinken. Wir taten unser Bestes und lachten kein einziges Mal mehr. Ich hatte also genug Zeit den Kerl zu mustern und mir ein Bild von ihm zu machen: Er wirkte kein bisschen betrunken, eher gefasst. Er war groß gebaut, normal gekleidet und sah nicht verarmt und verwahrlost aus. Ich konnte mir keinen Reim aus ihm machen. Stutzig machte mich auch die Reaktion seiner Freundin: Sie reagierte gar nicht auf das Geschehene. Vielleicht braucht er das und haut jeden Abend einen um und sie kann oder will nichts dagegen tun. Oder vielleicht hat sie an seine Ehre appelliert und ihn dazu animiert mir eine rein zu hauen. Irgendwann wollten wir dann auch mal los, die Sonne lauerte schon hinter dem Horizont und es stand eine lange Reise nach Amsterdam bevor. Als ich aufstand, erhob sich fast gleichzeitig auch der Mann und lief forschen Schrittes auf mich zu. Ich nahm mir fest vor, dass es diesmal nicht ohne Gegenweher ablaufen werde, aber innerlich wusste ich, dass es mir eigentlich alles schon viel zu egal war. Besoffen verprügelt zu werden ist genauso wie besoffen Sex zu haben: Irgendwie zählt es nicht richtig. Er streckte mir seine Hand entgegen und sagte: „Ich bin übrigens der Mille“. Ich drehte mich um und ging. - LF
Lujo - 24. Dez, 10:22
