Violet

Es ist sehr früh. Der erste Morgen des Jahres an dem ich vor der Sonne aufstehe und ich fühle mich etwas verloren, als ich vor dem Bremer Stadtamt ankomme.

Vor mir versucht eine dunkelhäutige Dame mit ihrem Kinderwagen durch die Drehtür ins wärmende Innere des Gebäudes zu gelangen. Oder besser gesagt – Sie versucht es eigentlich nicht (ich erwarte das aber von ihr in diesem Moment), sondern brüllt ihre beiden Kinder an, die ihren Spaß an den drehenden Scheiben haben und sie wild hin- und her bewegen. Sie schreit so markterschütternd-laut, dass einige Leute hinter mir in Deckung gehen und skeptisch abwarten. Ich bin in diesem Moment mit einer dunkelhäutigen, schwangeren Dame verabredet und schaue mich ausgiebig nach einem alternativen Menschen um der auf die diese Beschreibung passen könnte. Mein Telefon klingelt kurze Zeit später und ich sehe die Dame mit dem Kinderwagen am Seiteneingang mit einem Mobilgerät am Ohr. Also schlender ich zu ihr, sage hallo und wir fahren mit ihren sympathischen Kindern und einer türkischen Familie in den zweiten Stock.

Einige Menschen sitzen dort in diesem gigantischen Wartesaal, ganz vorne steht eine Art Rednerpult mit Laptop hinter dem ein dunkelhäutiger Mann stramm wie eine Statue steht und Wartenummer verteilt. Wir haben allerdings einen Termin und werden als Allererste ins Wartezimmer gebeten. Dort erwarten uns schon zwei Nachwuchsbeamten, der eine mit einem süffisanten Lächeln, dass er manchmal zu einem Halbkreis ausweitet, aber niemals aufgibt und seine Kollegin mit dem Ausdruck einer braven Schülerin, die in der ersten Reihe sitzt und stets die richtige Antwort parat hat. Als wir sitzen und die Befragung los geht, schläft der Junge sofort wild schnarchend ein und das Mädchen bewirft mich mit Zettelwerk, das auf dem Schreibtisch rumliegt. Ich muss an den Film „Captain Philips“ denken und dass es an diesem Punkt der Geschichte, an diesem Ort mit der Konstellation von Menschen nichts mehr zu gewinnen gibt. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung und ich bin froh, dass die Frau das Bürokratendeutsch nicht versteht mit so empathischen Wörter wie „umverteilt“ und „abschieben“. Kurz spreche ich mit ihr darüber, dass sie sich vielleicht schon nächste Woche in Bayern wiederfinden wird und dann prusten wir beide los. Am Ende steht dann die einwöchige Frist bis zu der Violet den Vater ihres Kindes und ein Dokument mit der Vaterschaftsanerkennung vorlegen muss, sonst hat sie wenig Einfluss darauf wo es als nächstes hingeht.

Danach sitzen wir wieder im Wartezimmer und warten bis die Langeweile in einem hochsteigt um sich mit den müden Gliedern zu vereinen um einem gehörig die Laune zu versauen. Also renn ich noch mal rein und die zwei Beamten sitzen da noch immer und tun irgendwas. Sie bitten mich um etwas Geduld und etwa eine halbe Stunde später kommen wir noch mal rein um drei Dokumente zu unterschreiben. Obwohl das alles ziemlich traurig ist, findet es Violet eigentlich ganz okay und hat auch nicht vor sich der Bürokratiewillkür zu beugen. Und wie absurd es eigentlich ist dass sich die meisten immigrierten Frauen aus Nordafrika von Deutschen schwängern lassen um hier bleiben zu können.

Ich trage das schlafende Kind durch die langen Gänge und lasse es nieder und mache mich fort in mein Leben in dem die Widerstände meist greifbarer und besiegbarer wirken als hier an diesem Ort.

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