Freitag, 18. November 2011

Welten

Das Erste was mir bei der Rückkehr aus der Schweiz nach Bremen aufgefallen ist: Der Fahrradweg liegt direkt neben dem Fußgängerweg (quasi wie ein kleiner Zwillings-Fußgängerweg) und man fährt automatisch die ganze Zeit Slalom um die verirrten Fußgänger, die dem Fahrradweg wenig Beachtung schenken nicht zu verletzen. Das Zweite, Offensichtlichere waren die Arbeitslosen, die den ganzen Tag direkt vor meiner Haustür am Kiosk rumhängen. Sie klopfen Sprüche (wenn sie in Gesellschaft sind), die meinen Vater alt aussehen lassen würden oder starren apathisch in eine weitentfernte Leere (wenn sie allein sind), die spannende Fragen nach den aktuellen Gedanken der Leute aufwirft. Ich kann mich nicht daran erinnern in meiner gesamten Zeit in Basel Menschen dieses Schlags gesehen zu haben. Am stärksten sind mir aus Basel die Begegnungen mit Deutschen in Erinnerung geblieben, die sich ausführlich über die Schweizer beschweren und darüber wie stark sie die Spießigkeit in der Schweiz aufregt. Meistens waren es Details, die ich kaum ernst diskutieren konnte bzw. wollte. Verwundert bin ich auch immer über die Feststellung, dass fast jeder zweite nach Basel Zugezogene bei der Frage, was ihm/ihr in Basel am besten gefällt zu allererst auf die exzellente Lage Basels in Europa hinweist und dass man schnell überall hinfahren kann („Letztes Wochenende sind wir ganz angenehm in 4 Stunden mit dem Zug nach Paris gefahren und nächste Woche fliegen wir nach New York. Man muss ja die Stärke des Schweizer Frankens ausnützen“). Ganz wenige scheinen glücklich zu sein in solch einer beeindruckenden, weil abwechslungsreichen, fast immer warmen und malerisch am Rhein gelegenen Stadt zu leben.

Für mich persönlich bedeutet das Leben in Basel eine Existenz in einem speziellen Mikrokosmos. Basel ist von seiner Größe sehr überschaubar, die Möglichkeiten wegzugehen sind an zwei Händen abzuzählen, die wahnwitzigen Preise beim Ausgang, die Vorliebe vieler Roche-Freunde sich ausschließlich in Firmenfreundeskreise zu bewegen und die Tendenz vieler Basler an öffentlichen Orten unter sich zu bleiben vervollständigen die Zutatenliste zu einer Welt, die angenehm (man will es sich ja gut gehen lassen in der Ferne), stimulierend (jeder ist ständig im Kontakt mit neuen Leuten und versucht interessant zu wirken) und witzig (manchen gelingt das auch) ist, sich manchmal allerdings auffällig stark um sich selbst dreht. Das führt dazu, dass ich am meisten Vergnügen habe, wenn ich mit tollen Leuten an schönen, entspannten Orten Zeit verbringe. Basel ist dafür wie geschaffen: Im Sommer spielt sich das gesamte Stadtleben an der Rheinpromenade ab und ihre Einwohner verstehen sich sehr gut darin das Zusammensein im Stile der amerikanischen Ureinwohner mit viel Rauch zu zelebrieren – ob der von einem Grill oder den omni-präsenten grünen Zigaretten kommt spielt dabei keine Rolle.

In Bremen ist das anders: Begegnungen und Gespräche mit Fremden ergeben sich wie selbstverständlich, dem Klischee über den typischen, verschlossenen Norddeutschen zum Trotz. Mir fällt es immer schwer bei der Beobachtung einer Unterhaltung zu entscheiden ob sich die Leute gut kennen oder erst vor 5 Minuten kennengelernt haben. Wenn man durch die Stadt läuft ist es immer wieder bemerkenswert, wie erstaunlich hoch im Anbetracht der Größe Bremens die Anzahl von Menschen ist mit denen man sich schon mal unterhalten hat oder die man vom Sehen kennt. Hierbei scheint mir erwähnenswert, dass man sie meist von irgendeiner durchzechten Kneipennacht kennt und nicht wie in Basel von einem Apéro mit feinem Prosecco auf der auch stets ein paar Arbeitskollegen rumschwirren.

Basel ist die Stadt des Zebrastreifens. Es gibt gigantische Kreuzungen im Herzen der Stadt wie z.B. den Aeschenplatz der komplett ohne den Einsatz von einer einzigen Ampel auskommt. Autofahrer haben es da nicht leicht und ich bewundere es, wie geduldig die Mehrheit der Luxuskarren-Besitzer sich von einem Streifen zum nächsten angeln ohne mal einen Rentner aus purer Warterei-Langweile zu überrollen. Nicht weniger imposant finde ich die Methode der Fußgänger, die sich nachdem sie den Augenkontakt mit dem Autofahrer gesucht haben ausführlich mit einem Wink bedanken. An meinem ersten Tag in Bremen fuhr ich nachts mit dem Fahrrad auf der Straße (alte Schweizer Angewohnheit. Dort wurden die Fahrradfahrer bisher nicht von der Straße verbannt), als sich von hinten ein Taxi näherte. Mir schlug ein dröhnendes Hupen entgegen. Als es auf meiner Höhe angelangt war, wurde noch ein wilder Versuch unternommen mich von der Straße zu drängen.

Am liebsten würde ich in beiden Welten gleichzeitig wohnen.

LF

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